Interaktive Hörbücher: Audioerlebnisse der nächsten Generation

Potenzial und Herausforderung für Verlage aus Sicht eines Anbieters

Foto/video: Freepik, KI-generiert

Die Audioindustrie entwickelt sich rasant weiter: Podcasts, Hörbücher und Hörspiele gehören längst zum medialen Alltag. Doch mit der wachsenden Vielfalt steigen auch die Erwartungen der Nutzer:innen. Hörer:innen suchen nach Formaten, die über passives Konsumieren hinausgehen und interaktive, immersive Erlebnisse schaffen.

Interaktive Hörbücher setzen genau an dieser Stelle an: Sie ermöglichen es, Entscheidungen innerhalb der Geschichte zu treffen und den Verlauf aktiv mitzugestalten – perfekt abgestimmt auf Nutzungsszenarien wie In-Car Entertainment oder smarte Lautsprecher, bei denen Hände und Augen frei bleiben.

Das Format kombiniert klassisches Storytelling mit moderner Technologie, doch welche Ansätze sind für Verlage wirklich praktikabel? Und wie lässt sich das Potenzial dieses Formats wirtschaftlich ausschöpfen? Christian Mahnke, mit EarReality selbst Anbieter interaktiver Formate, führt ein ins Thema.

Die digitale Transformation hat die Art und Weise, wie wir Medien konsumieren, grundlegend verändert. Audioformate sind dabei besonders gefragt, da sie sich nahtlos in mobile Lebensstile integrieren lassen – sei es auf dem Weg zur Arbeit, beim Sport oder bei der Hausarbeit. Gleichzeitig stehen Hörbücher und Podcasts in starker Konkurrenz zu anderen Angeboten wie Musik-Streaming oder sozialen Medien, die um die fragmentierte Aufmerksamkeit der Hörer:innen kämpfen.

Für Verlage bedeutet das: Lineare Inhalte reichen oft nicht mehr aus. Die Nachfrage nach interaktiven, personalisierten und immersiven Erlebnissen wächst – insbesondere in Kontexten, in denen Nutzer:innen aktiv eingebunden werden möchten, ohne dabei auf Bildschirme angewiesen zu sein. Interaktive Hörbücher adressieren genau diese Bedürfnisse und schaffen neue kreative Möglichkeiten. Allerdings bringen sie auch Herausforderungen mit sich: Die Produktion ist aufwendiger, und der Erfolg hängt maßgeblich von durchdachten Storystrukturen und innovativen Technologien ab.

Das Format für mobiles und freihändiges Hören

Interaktive Hörbücher bieten ein „Audio-first“-Erlebnis, das sich besonders für Situationen eignet, in denen Nutzer:innen ihre Hände nicht einsetzen oder auf Bildschirme verzichten möchten – wie im Auto, bei der Hausarbeit oder beim Sport. Die Hörer:innen werden zu aktiven Mitgestaltenden der Geschichte, indem sie Entscheidungen treffen, die deren Verlauf beeinflussen.

Dieses Konzept hebt sich klar von Podcasts oder klassischen Hörbüchern ab. Es kombiniert die narrative Tiefe traditioneller Erzählungen mit der Interaktivität von Games, ohne jedoch visuelle Interfaces zu benötigen. Besonders im Kindersegment zeigen Beispiele wie „Siggi und der Zauberwald“ von Heike Westendorf und Chris Warman große Erfolgspotenziale auf. Doch auch erwachsene Zielgruppen in Genres wie Fantasy, Thriller oder Romance bieten große Möglichkeiten – vorausgesetzt, die Interaktivität ist sinnvoll und intuitiv integriert.

Erfolgsfaktor: Intelligente Storystrukturen und nutzerzentrierte Technologien

Die Grundlage eines gelungenen interaktiven Hörbuchs ist eine klare und dennoch flexible Storystruktur. Geschichten müssen so gestaltet sein, dass sie alternative Handlungsstränge bieten, ohne ihre Kohärenz zu verlieren. Entscheidungsoptionen sollten logisch und intuitiv eingebaut werden, um die Hörer:innen nicht zu überfordern.

Technologisch ermöglichen spezialisierte Tools, die Geschichten als Flowcharts visualisieren und ohne Programmierkenntnisse anpassbar machen, eine effiziente Umsetzung. Ergänzend dazu spielt Voice-Recognition-Technologie eine zentrale Rolle: Sie erlaubt freihändige Interaktionen, die sich besonders für smarte Lautsprecher oder In-Car-Systeme eignen. Solche Technologien sind nicht nur ein Komfortfaktor, sondern entscheidend für die Akzeptanz des Formats.

Herausforderungen und Lösungswege: Wie interaktive Hörbücher gelingen können

Die Produktion interaktiver Hörbücher ist anspruchsvoller als die linearer Formate. Neben dem Mehraufwand für zusätzliche Handlungspfade und alternative Szenen müssen auch Logikfehler vermieden und eine intuitive Nutzerführung sichergestellt werden. Ein effizienter Ansatz ist es, interaktive Elemente gezielt in Sidestories oder Spin-offs bestehender Werke einzubetten, anstatt komplett neue Inhalte zu entwickeln.

Standardisierte Produktionsprozesse und wiederverwendbare Templates können den Aufwand reduzieren und eine Skalierung ermöglichen. Eine Pilotphase, in der erste Nutzerreaktionen und technologische Herausforderungen getestet werden, ist essenziell, um das Format zu optimieren und Risiken zu minimieren.

Wirtschaftliches Potenzial: Monetarisierung, Daten und neue Geschäftsmodelle

Interaktive Hörbücher bieten nicht nur kreativen Mehrwert, sondern auch wirtschaftliche Chancen. Sie ermöglichen es, detaillierte Daten über das Nutzerverhalten zu erfassen, die wiederum zur Optimierung von Inhalten und zur Personalisierung des Angebots genutzt werden können.

Auch die Monetarisierung zeigt Potenzial: Hochwertige Produktionen können zu Premium-Preisen angeboten werden, insbesondere, wenn sie sich durch innovative Features und exklusive Inhalte auszeichnen. Darüber hinaus eignen sich interaktive Hörbücher als Vehikel, um bestehende Markenuniversen zu erweitern oder neue Zielgruppen zu erschließen.

Bis die etablierten Streamingplattformen Interaktivität zulassen, werden interaktive Hörbücher per App ausgeliefert und direkt oder über Netzwerke qualifizierter Partner beworben.

Fazit & Ausblick

Interaktive Hörbücher sind weit mehr als ein vorübergehender Trend. Sie bieten Verlagen die Chance, auf die veränderten Nutzerbedürfnisse zu reagieren, neue Zielgruppen zu erreichen und innovative Geschäftsmodelle voranzutreiben.

Damit das Format erfolgreich ist, braucht es durchdachte Storystrukturen, robuste Technologien und eine klare Ausrichtung auf Nutzungssituationen wie In-Car Entertainment oder smarte Lautsprecher. Verlage, die diesen Wandel frühzeitig annehmen, können sich nicht nur einen Wettbewerbsvorteil sichern, sondern auch langfristig von einer datengetriebenen und interaktiven Zukunft profitieren.

2024 - Devcom Köln - Christian Mahnke als Keynote Speaker 01

Christian Mahnke (LinkedIn-Profilseite) ist seit 2017 Gründer und CEO von EarReality, einem Unternehmen für interaktive Audioformate mit Sitz in Heimsheim. Er entwickelt interaktive Audio-Geschichten und Voice-Gaming-Technologien für Kunden wie Disney, Audible, BMW, Rowohlt und Dolby. Mahnke ist Autor preisgekrönter interaktiver Hörbücher, darunter "Der Zauberwald" (über 250.000 Spieler) und "Der Eiserne Falke" (Gewinner der Amazon Alexa Games Skill Challenge 2018). 2021 veröffentlichte er den Leitfaden "Wie Du interaktive Geschichten für Voice schreibst". Sein aktueller Schwerpunkt liegt auf der Verbindung von KI und interaktivem Storytelling.