Information ist keine Wirkung

Stephan Schreyer: Was soll beim Menschen entstehen, wenn er uns konsumiert

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Published: 20.8.2026  |  Foto / Video: Magnific

Das klingt erst mal seltsam. Fast provokant. Aber je länger ich mit Medienhäusern, Radiosendern und Verlagen zusammenarbeite, desto überzeugter bin ich: Es ist der Satz, der alles verändert.

Ich sitze regelmäßig mit Führungskräften aus der Medienbranche zusammen. Chefredakteure, Programmdirektoren, Geschäftsführer – Menschen, die ihren Job lieben und seit Jahren alles geben.

Und fast immer beginnen diese Gespräche mit denselben Fragen. Wie erreichen wir mehr Menschen? Wie verlängern wir unsere Inhalte? Welche Kanäle müssen wir bespielen? Wie nutzen wir KI? Wie bauen wir einen Podcast? Wie verdienen wir zukünftig Geld?

Alles richtige Fragen. Aber vielleicht die falschen?

Denn hinter all diesen Fragen steckt eine Annahme, die selten ausgesprochen wird: Wenn wir mehr produzieren, mehr verbreiten, mehr Kanäle bespielen – dann entsteht mehr Wirkung. Tut es aber nicht. Zumindest nicht automatisch.

Denn Information ist keine Wirkung. Informationen bekommt der Leser, der Hörer, der Nutzer heute überall. Google, WhatsApp, ChatGPT, TikTok, Bild.de und wie sie alle heißen. Die Information selbst ist längst kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Sie ist eine Selbstverständlichkeit.

Was Menschen wirklich bewegt, ist etwas anderes. Das Gefühl, verstanden zu werden. Orientierung in einer unübersichtlichen Welt. Vertrauen in eine Quelle, die sie kennen. Zugehörigkeit zu etwas, das größer ist als sie selbst.

Das ist Wirkung!

Und Wirkung entsteht nicht durch mehr Inhalte. Sondern durch klarere Antworten auf eine sehr einfache Frage: Was soll beim Menschen entstehen, wenn er uns konsumiert?

Ich habe diese Frage kürzlich in einem Workshop mit einem Lokalsender gestellt. Die Antwort kam nicht sofort. Und eigentlich war das der wertvollste Moment des Tages. Warum? Wenn erfahrene Medienmacher innehalten und merken, dass sie diese Frage noch nie so direkt gestellt haben, dann sagt das sehr viel.

Nicht über sie. Sondern über eine Branche, die seit Jahrzehnten gelernt hat, in Formaten zu denken. In Sendestrecken. In Reichweiten. In Durchschnittsstunden. Aber selten in Wirkung.

Das Interessante dabei: Sobald die Frage gestellt ist, verändert sich alles.

Ein Interview mit dem Bürgermeister ist plötzlich nicht mehr nur ein Pflichttermin. Es wird zu einer Entscheidung: Wollen wir informieren – oder wollen wir dem Pendler morgens um sieben das Gefühl geben, dass sein Sender sein Leben versteht?

Das sind zwei vollkommen verschiedene Dinge. Und sie führen zu vollkommen verschiedenen Interviews. Verschiedenen Aufmachern. Verschiedenen Kanälen. Verschiedenen Formaten.

Genau hier wird Audio interessant. Nicht weil Podcasts stark wachsen/gewachsen sind. Nicht weil Audio-Artikel en vogue sind. Sondern weil Audio als Medium besonders nah ist. Intim. Es baut Beziehungen auf, die andere Medien so kaum erzeugen können.

Wer Audio macht, ohne zu wissen, welche Wirkung er erzeugen will, produziert Inhalte. Wer es weiß, baut Bindung.

Und Bindung – das zeigen alle erfolgreichen Audio-Formate der letzten Jahre – ist das Einzige, was sich wirklich nicht ersetzen lässt. Nicht durch Algorithmen, nicht durch KI, nicht durch bessere Distributionskanäle.

Die Frage nach der Wirkung ist deshalb keine strategische Spielerei. Sie ist die Grundlage für jede Entscheidung, die danach kommt. Welche Inhalte produzieren wir? Für wen? In welchem Format? Auf welchem Kanal? Mit welchem Ziel?

Wer diese Fragen in dieser Reihenfolge stellt, wird feststellen, dass sich vieles vereinfacht. Dass Redaktionskonferenzen klarer werden. Dass weniger über Befindlichkeiten diskutiert wird. Dass Entscheidungen begründbarer werden. Und vor allem: Dass der Kanal – ob Audio, Print, Social oder Video – aufhört, der Ausgangspunkt zu sein. Sondern die Konsequenz. Denn Kanäle folgen aus Wirkungsabsichten. Nicht umgekehrt.

Das klingt einfach. Fast banal. Ist es aber nicht.

Denn es bedeutet einen fundamentalen Perspektivwechsel. Weg von der Frage „Was produzieren wir?“ hin zu der Frage „Was wollen wir beim Menschen auslösen?“

Medienhäuser, die diesen Wechsel vollziehen, finden plötzlich Antworten auf Fragen, die sie jahrelang beschäftigt haben. Nicht weil sie schlauer geworden sind. Sondern weil sie die richtige Frage stellen.

Alle anderen werden weiter nach neuen Formaten suchen.

Und sich wundern, warum es nicht reicht.

FOTO_Stephan Schreyer

Stephan Schreyer ist Strategic Corporate Audio Advisor und einer der führenden Experten im Corporate-Audio Bereich. Mit seiner Audio-Beratung unterstützt er Unternehmen und Marken dabei, Audio strategisch und erfolgreich zu nutzen. Darüber hinaus ist er Co-Founder der Audio Brand Partner, einer Allianz für Corporate Audio Lösungen zwischen Scholz & Friends Sounds, der Digitalagentur TBO und ihm.