Alleine gehört. Gemeinsam erlebt
Colin Hauer (Hörbuch Hamburg) über Audioveranstaltungen
Wie transportiert sich ein Medium, das individuell konsumiert wird, in Gemeinschaftsevents? Colin Hauer, Geschäftsführer des Hörbuch Hamburg Verlags, stellt dazu die folgenden persönlichen Überlegungen an.

Published: 19.8.2026 | Foto: Anna-Lena Schmitz
Vor einiger Zeit saß ich bei einer Lesung von Susanne Abel in der Hamburger JazzHall. Neben mir eine Besucherin, die an diesem Morgen bereits um fünf Uhr aufgestanden und von weit her angereist war. Zwei Bücher zum Signieren hatte sie dabei – und ein wenig Sorge, während der Veranstaltung einzuschlafen. Falls das passiere, solle ich sie bitte anstupsen, bat sie mich.
Dazu kam es nicht.
Als sie erfuhr, dass ich für einen Hörbuchverlag arbeite, war von Müdigkeit ohnehin keine Spur mehr. Besonders von Vera Teltz, der Sprecherin der Hörbücher von Susanne Abel, kam sie aus dem Schwärmen kaum heraus. Später ertappte ich mich dagegen selbst dabei, die Augen zu schließen und abwechselnd den Stimmen auf der Bühne zu lauschen. Eigentlich ein merkwürdiges Verhalten bei einer Liveveranstaltung, für die man extra an einen besonderen Ort gekommen ist. Könnte man meinen. Für Hörbuchmenschen aber vielleicht das größte Kompliment: Man sitzt mitten unter vielen anderen und findet trotzdem für einen Moment in sein ganz persönliches Kopfkino.
In ein gutes Hörbuch taucht man schließlich am besten ganz ungestört und für sich allein ein. Oder vielleicht doch nicht?
Vom individuellen Hören zum gemeinsamen Erlebnis
Das Hörbuch ist ein intimes Medium. Die Stimmen begleiten uns durch den ganzen Tag: auf dem Weg zur Arbeit, bei der Hausarbeit, beim Sport oder beim Einschlafen. Über Stunden entsteht eine Nähe zu Figuren und Sprecher:innen, die sich fast privat anfühlen kann. Das Hören findet meist über Kopfhörer statt, häufig allein und zunehmend digital.
Gleichzeitig wächst der Wunsch, diese Begeisterung mit anderen zu teilen. Menschen möchten ihre Lieblingssprecher:innen live erleben, andere Fans treffen und für einen Abend sichtbar Teil einer Gemeinschaft sein. Das passt zu einer allgemeinen Entwicklung: Kultur, Konsum und Freizeit werden nicht mehr nur passiv wahrgenommen. Wir suchen nach Erfahrungen, an denen wir beteiligt sind, die uns emotional berühren und an die wir uns erinnern.
Für uns ist diese Erlebniskultur besonders spannend. Denn kaum ein anderes Medium ist im Alltag so präsent und dabei doch so wenig sichtbar. Die meist digitalen Hörbücher stehen in keinem Regal, liegen auf keinem Nachttisch und lassen sich nach einer Veranstaltung nicht unter den Arm klemmen.
Wir möchten Räume für das Hörbuch schaffen. Räume, die es durch seine Relevanz verdient. Räume, in denen Geschichten, Stimmen und die Menschen dahinter auch außerhalb des Digitalen wahrnehmbar werden.
Dabei geht es gar nicht darum, das digitale Hören wieder zu analogisieren. Im Gegenteil: Im besten Fall übersetzen die Formate genau das, was das Hörbuch besonders macht – Nähe, Stimme, Atmosphäre und Imagination – in ein gemeinsames Erlebnis.
„Die Stimme ist kein bloßes Werkzeug“
Colin Hauer über die Relevanz der passenden Stimme für Audio-Produktionen
Wenn aus einer Lesung ein Community-Event wird
Wie emotional diese Verbindung sein kann, haben wir beispielsweise bei unserer Hörbuch-Only-Lesung zu »Onyx Storm« von der amerikanischen Autorin Rebecca Yarros im Februar 2025 erlebt. Die beliebten Sprecher:innen Dagmar Bittner und Vincent Fallow standen gemeinsam auf den Bühnen in Düsseldorf und Berlin, beide im zur Story passenden Cosplay. Viele Besucher:innen kamen ebenfalls verkleidet, die Fotos wurden großartig und die Grenzen zwischen klassischer Lesung und Fantreffen lösten sich auf.
Das Publikum kennt die Welt der Geschichte, hat häufig viele Stunden in ihr verbracht und möchte für eine Weile in ihr verweilen. Dagmar und Vincent vertonen dabei nicht nur den Text. Sie sind die vertrauten Stimmen dieser Welt und für viele Fans längst selbst Persönlichkeiten, denen sie sich verbunden fühlen.
Wenn internationale Autor:innen auf Lesereise nach Deutschland kommen, freuen wir uns, wenn wir vermitteln können, dass die offizielle deutsche Stimme ihres Hörbuchs mit ihnen zusammen auftritt. Die Sprecher:innen kennen sich in den Texten hervorragend aus und können ihre Expertise auch auf der Bühne beweisen. Ein grandioses Beispiel ist die Lesereise der Autorin SenLinYu zu ihrem weltweiten Phänomen »Alchemised«, bei der sie von Illustratorin Avendell und Sprecherin Vanida Karun begleitet wurde. Die unterschiedlichen Blickwinkel auf denselben, vielschichtigen Text haben für spannende Gespräche gesorgt. Bei diesem Hörbuch hat Vanida wirklich viel Zeit in der düsteren Fantasy-Welt verbracht, das Hörbuch fasst über 40 Stunden Laufzeit.
Buch und Hörbuch sollten bei Veranstaltungen deshalb keineswegs gegeneinander gedacht werden. Sie können einander verstärken. Aus diesem Mix entsteht eine Magie im Raum, die weder eine traditionelle Lesung noch das Hören zu Hause leisten könnte.

Schwellen senken und überwinden
Nicht jedes Erlebnis muss jedoch groß oder laut sein und in großen Hallen stattfinden. Manchmal reicht auch einfach ein Franzbrötchen. Das wissen wir in Hamburg am besten. In unseren Verlag haben wir bereits mehrfach exklusiv eingeladen zum Format »Auf ein Franzbrötchen mit …«. Nach Dora Heldt und Sprecherin Vera Teltz war zuletzt Sabine Bohlmann zu Gast. Die Autorin, die ihre Hörbücher stets auf unnachahmliche Weise selbst einliest. Davon konnten sich in gemütlicher Atmosphäre rund 20 lokale Multiplikator:innen, u. a. Redakteur:innen, Buchhändler:innen, Blogger:innen, selbst überzeugen. Wir haben bewusst ein Setting geschaffen, in dem alle zusammen an den Tischen sitzen und es keine frontale Lesung gibt. Dieser persönliche Rahmen ermöglichte Gespräche auf Augenhöhe, interessante Fragen und Anekdoten zu kreativen Prozessen, ohne lediglich Programmpunkte abzuhaken.
Diese kleineren Formate zeigen: Eventisierung bedeutet nicht zwangsläufig immer größere Bühnen oder immer aufwendigere Inszenierungen. Entscheidend ist, ob ein Anlass eine echte Verbindung schafft. Gute Veranstaltungen müssen nicht möglichst viele Menschen erreichen. Sie müssen die Menschen, die da sind, möglichst gut erreichen. Und die Franzbrötchen als eindeutiger Standortvorteil lassen sich nur schwierig digitalisieren.
Ruhe als Teil des Erlebnisses
Gerade dort, wo Veranstaltungen laut, voll und reizintensiv sind, kann das Hörbuch eine ganz andere Qualität einbringen: Ruhe. Bei unserem »Silent Kopfkino« setzen Besucher:innen Kopfhörer auf und treten für eine Weile aus dem Trubel heraus. Dieses Format haben wir im Rahmen größerer gemeinsamer Events unserer Partnerverlage und -institutionen ausprobiert: zum Beispiel beim »everlove Ball« (Piper), bei der »Covelit« (Carlsen) und während der »Nordischen Literaturtage« (Literaturhaus Hamburg).
Von außen betrachtet passiert dabei erstaunlich wenig. Von innen dafür umso mehr. Das Hörbuch konkurriert bei diesen Veranstaltungen nicht um die höchste Lautstärke oder den auffälligsten Programmpunkt. Es bietet eine Pause an, jedoch keine Leerstelle. Wer zuhört, zieht sich kurz zurück und bleibt dennoch Teil des gemeinsamen Erlebnisses.
Teilhabe statt bloßer Aufmerksamkeit
Innovation bedeutet nicht nur, neue Technik einzusetzen oder besonders fotogene Kulissen zu bauen. Sie kann auch darin liegen, andere Zielgruppen einzuladen, Barrieren abzubauen und das Hören als gemeinschaftliche Kulturpraxis zu verstehen.
Den Vorlesetag im Herbst 2025 haben wir mit der Hamburger Initiative »Oll Inklusiv« umgedeutet und unser Angebot nicht an den Jüngsten orientiert, sondern in die andere Richtung. Sprecherin Julia Nachtmann hat in gemütlichem Rahmen rund 20 Senioren und Senioritas (Selbstbezeichnung »Oll Inklusiv«) anhand einer Lesung und praxisnahen Tipps in die Kunst des Vorlesens eingeführt.
Was beim Hörbuch oft übersehen wird: der unserem Medium inhärente Beitrag zur Barrierefreiheit, dadurch, dass Texte nicht nur gelesen, sondern auch gehört werden können. Übrigens war dies auch der ursprüngliche Hintergrund des ersten Hörbuchs.
Natürlich darf ein Event unterhalten. Es darf spektakulär sein, Fans begeistern und in sozialen Medien gut aussehen. Aber wenn es darüber hinaus Begegnungen ermöglicht und Menschen das Gefühl gibt, mit ihrer Begeisterung nicht allein zu sein, entstehen nachhaltige Bindungen und Eindrücke.
Die Besucherin in der JazzHall hätte meine Hilfe an diesem Abend übrigens nicht gebraucht. Sie blieb wach, hörte gebannt zu und wartete mit ihren Büchern auf die Signierstunde. Die Augen zwischendurch geschlossen haben wir beide. Keineswegs aus Müdigkeit, sondern weil Stimmen manchmal stärker wirken, wenn die anderen Sinne Pause haben.

Colin Hauer ist Geschäftsführer des Hörbuch Hamburg Verlags. Seit über 18 Jahren ist er in der Audiobranche tätig und beriet neben Stationen bei Amazon, Bastei Lübbe, Bookwire, Sony Music und Universal Music mehrere Verlage und Abo-Dienste bei der Entwicklung ihrer digitalen Strategie. Hauer erlangte neben einem MBA der Mannheim Business School einen M.A. in Creative Industries Management sowie einen B.A. in Musikwirtschaft.
Bilder: Hörbuch Hamburg
