Die Brücke, die keine Krücke sein will
Kann Audio den Schwund bei jungen Leser:innen aufhalten?
Der Börsenverein hat im Juli die vielleicht unangenehmste Zahl der vergangenen Jahre vorgelegt: minus 30,6 Prozent Buchkäuferinnen und -käufer in der Altersgruppe der 10- bis 15-Jährigen. Im selben Bericht steht ein Plus von 13,2 Prozent für das Hörbuch. Zwei Kurven, die in entgegengesetzte Richtungen zeigen – und eine Branche, die sich fragt, ob die eine die andere retten kann. Wir haben mit Verlagen, mit einer Leseförderinitiative und mit der Jury eines Audiosiegels gesprochen. Das Ergebnis ist weniger eindeutig und deutlich interessanter, als die Schlagzeile vermuten lässt.

Published: 10.9.2026 | Foto / Video: KI-generiert, Magnific
Zwei Kurven, eine Lücke
Wer die Zahlen des Berichts „Buchmarkt kompakt 2025/2026" nebeneinanderlegt, sieht kein flächendeckendes Desinteresse, sondern ein sehr spezifisches Loch. Christoph Gondrom, Verlagsleiter bei Loewe, hat genau hingesehen: „Der Rückgang bei den Buchkäufer:innen ist in zwei Altersgruppen besonders eklatant: In der Alterskohorte 10-15 Jahre (-30,6%) sowie in der Kohorte 20-29 Jahre (-17,8%). Gleichzeitig nahm die Anzahl der Buchkäufer:innen in der dazwischenliegenden Kohorte (16-19 Jahre) zu (+7,7%)."
Diese Delle in der Mitte ist deshalb so bemerkenswert, weil ausgerechnet die Gruppe, die im Buchmarkt zulegt, auch das Audiowachstum trägt. „Die primären Treiber der positiven Entwicklung des Audiobereichs in den letzten Jahren entstammen vor allem den Alterskohorten der jungen Erwachsenen (16-29 Jahre)", so Gondrom, „insofern ist die konträre Entwicklung zwischen Buch- und Hörbuchmarkt in der Tat auffällig und könnte damit zusammenhängen, dass die Veränderungen im Medienkonsum vorteilhaft für das Audiosegment sind."
Und dieses Wachstum beschleunigt sich. Gondrom rechnet vor: „Im Jahr 2023 wurde ein Umsatzwachstum von 3,1% verzeichnet. 2024 waren es 7,3% und 2025 gar 13,2%. Hier scheint der Zenit also noch nicht erreicht zu sein – es besteht weiteres Wachstumspotenzial und das trotz ernstzunehmender Konkurrenz durch andere Audioangebote wie z.B. Podcasts."
Zum vollständigen Interview mit Christoph Gondrom geht es hier.
Warum Audio davonzieht
Der naheliegendste Grund ist banal und wird trotzdem regelmäßig unterschätzt: Hören lässt sich mit anderen Tätigkeiten kombinieren. Gondrom verweist auf das „Phänomen ‚Audio-Multitasking': Menschen hören Hörbücher nebenbei, etwa bei der Hausarbeit oder auf dem Weg zur Arbeit."
Der zweite Grund ist unbequemer. „Ein wichtiger Aspekt könnte zudem sein, dass sich für die jüngeren Zielgruppen der Konsum von Hörbüchern angesichts der schnelllebigen digitalen Welt weniger (vermeintlich) ‚anstrengend' anfühlt, als das Lesen eines Buches", sagt der Loewe-Verlagsleiter. Das Buch verliert damit nicht gegen ein anderes Medium, sondern gegen eine Aufmerksamkeitsökonomie, in der es die höchste Einstiegshürde hat.
Hinzu kommt die Auffindbarkeit. Auf Streamingplattformen entfällt die einzelne Kaufentscheidung, und das verändert das Verhalten von Kindern erheblich. Die Rolle der Eltern beim Hörbuchkauf sei, so Gondrom, stark milieuabhängig: „Sobald Kinder Streamingplattformen nutzen (für die ja die Eltern meist ein Abo abgeschlossen haben), werden Inhalte freier entdeckt und ausgewählt als das bei (physischen) Büchern der Fall ist, da kein produktindividuelles Bezahlen notwendig ist."
Im Kinderzimmer selbst hat vor allem ein Gerät die Lage verändert. „In der jüngeren Vergangenheit hat die Toniebox Audioinhalten in Kinderzimmern natürlich eine beispiellose Renaissance beschert", sagt Gondrom – und macht zugleich eine interessante Einschränkung: Audio-Multitasking spiele bei den Kleinen kaum eine Rolle, „bzw. nicht mehr oder weniger praktiziert wird, als damals, als der Kassettenrekorder im Kinderzimmer lief."

„Die Veränderungen im Medienkonsum sind vorteilhaft für das Audiosegment“
Christoph Gondrom ist Verlagsleiter bei Loewe.
Der Zugang ist da - die Frage ist, was daraus wird
Bei Oetinger hat sich in den vergangenen Jahren die strategische Stellung von Audio grundlegend verschoben. „Hörbücher sind längst nicht mehr nur eine nachgelagerte Auswertung erfolgreicher Printtitel", sagt Thorsten Höge, Strategische Leitung Digital. „Sie sind ein eigenständiges Erzählformat mit eigenen dramaturgischen, sprachlichen und produktionellen Möglichkeiten und natürlich guten Erlösmöglichkeiten."
Konkret heißt das, dass Audio schon in der Stoffentwicklung mitgedacht wird. Höge beschreibt die Prüffragen: „Tragen die Figuren über Stimmen und Dialoge? Eignet sich der Stoff für kurze Kapitel, eine serielle Erzählweise oder ein gemeinsames Hörerlebnis?" Wobei er ausdrücklich davor warnt, daraus ein Automatismus zu machen: „Ein gutes Buch muss nicht automatisch ein gutes Hörbuch werden."
Dass Audio Interesse am Lesen wecken kann, bejaht Höge ohne Umschweife. Und er nennt einen Mechanismus, der in der Debatte oft untergeht: Hörbücher senken das Einstiegsalter für anspruchsvolle Stoffe. „Kinder hören dabei komplexe Sprache, die sie vielleicht noch nicht selbst lesen könnten. Sie entwickeln innere Vorstellungen von Figuren und Schauplätzen und erleben, dass Geschichten emotional und intellektuell bereichernd sind." Das schlage sich sogar in den Empfehlungen nieder: „Oft haben Hörbücher eine andere, jüngere Altersangabe als das Buch, weil Kinder hier durch das Hören schon in Geschichten eintauchen können, die sie qua Alter beziehungsweise Lesestufe noch nicht selbst lesen können."
Genau hier liegt aber auch die Grenze, und Höge markiert sie selbst sehr deutlich: „Zuhören ist aber nicht dasselbe wie Lesen. Ein Hörbuch trainiert nicht automatisch die technische Leseflüssigkeit oder die Fähigkeit, Buchstaben und Wörter sicher zu entschlüsseln."
Was hören trotzdem mit Lesekompetenz macht
Die Jury des Aki Audiosiegels der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM) argumentiert an dieser Stelle differenzierter, als es der Streit „Hören oder Lesen" zulässt. Dr. Astrid Henning-Mohr und Wolfgang Antritter weisen darauf hin, dass Lesekompetenz „nicht nur in der Decodierung von Buchstaben besteht, sondern im Erfassen, Interpretieren und Nachdenken über einen Gegenstand, der mehrfach interpretierbar ist."
Auf dieser Ebene leistet Audio sehr wohl etwas. „‚Hochwertiges Audiomaterial' kann jedoch durch seine Zweikanal-Vermittlung (Infos des Textes und emotionalen Einfluss der Stimme) Durchhalten trainieren, was wiederum für Lesen im Buch öffnet", so die Jury. Und weiter, mit Blick auf das, was sie Literarizitätskompetenz nennt: „Textsortenwissen, Unterscheidung von Stimmen, der Abgleich von innerer Stimme (mit der man sich die Figur vorstellt) und der äußeren (gehörten) Stimme, Wahrnehmung der Geräusche und Musik als Worldbuilding und Ausgestaltung des literarischen Raumes – sie alle spielen eine bedeutende Rolle, Texte nicht nur buchstäblich zu erfassen, sondern als narrativ verwobene und zu interpretierende Sprache und Erzählung erkennen zu können."
Das Hörspiel könne keine Buchstaben beibringen, aber trage zu Literaturerfahrung und damit zum Verständnis von Texten entscheidend bei. „Für die Frage, ob Hören bei Kindern und Jugendlichen Lesen ersetzt, zeigen Recherchen, dass sich kein entsprechendes Untersuchungsergebnis finden lässt. Zu beobachten ist jedoch, dass diese Nutzer:innengruppe im Laufe ihrer Entwicklung zwischen den Medien nach Bedarf hin- und herswitcht. Die phasenweise Bevorzugung von Hörbüchern hat dabei keinen negativen Einfluss auf die jeweilige Lesekompetenz – eher das Gegenteil." Ihr Grundsatz für die Branchendebatte lautet entsprechend: „Generell sollte kein Medium gegen das andere ausgespielt werden."
Kannibalisierung? Ja. Und trotzdem kein Argument gegen Audio
Aus Verlagssicht ist die Frage härter gestellt, weil sie unmittelbar Umsatz betrifft. Gondrom weicht ihr nicht aus: „Eine gewisse Kannibalisierung zwischen den Formaten war schon immer vorhanden – und doch überwiegen auch in Zeiten der unmittelbaren Verfügbarkeit des Streamings in der Regel die Vorteile, denn Plattformen wie Spotify sind auch in puncto Discoverability für bestimmte Zielgruppen sehr bedeutend."
Die Konsequenz daraus ist für ihn eindeutig nicht die Verknappung: „Denn der Wandel des Medienkonsums ist derart substanziell, dass Verlage diesen nicht mit einer Restriktion des Angebots gestalten können. Vielmehr gilt es die positiven Rückkopplungen auf Printausgaben zu verstehen und zu nutzen, während gleichzeitig an Geschichten, Themen, Layout und Formaten zu feilen ist, damit das Buch seinen 576 Jahre andauernden Erfolgspfad weiter beschreiten kann."
Belastbare Kausalität ist in diesem Feld schwer zu haben, und Gondrom sagt das auch: „Mit dem ‚nachweislich' ist das so eine Sache, da im Alltag eine Vielzahl von Faktoren auf Konsument:innen wirken." Ein Fall ist aber auffällig genug, um ihn zu erzählen. Bei der Reihe „Das Dorf" von Karl Olsberg habe sich „die ohnehin positive Absatzentwicklung der Printreihe mit dem Erscheinen der Hörbuchausgaben nochmal einen extra Schub bekommen". Und weiter: „Tracks der Hörbuchreihe fanden sich in öffentlichen Nutzer:innenplaylisten wieder und neue Fans und Zielgruppen konnten quasi hürdenlos erschlossen werden. Mittlerweile zählen Tracks der Reihe über 100.000 Streams allein bei Spotify und die Geschichten um Nano und Maffi konnten sich sowohl im Audio- wie auch im Printsegment als Topseller nachhaltig etablieren."
Dass nicht jeder Stoff diesen Weg gehen kann, hat schlicht ökonomische Gründe: „Aufwendige Hörbuchproduktionen bzw. Hörspiele, die mit mehreren Sprecher:innen sowie Soundeffekten und Musik aufwarten, sind teuer."
Besonders schwierig werde es bei textarmen, reich illustrierten Vorlagen, für die ein eigenes Hörbuchskript nötig wäre. Potenzial sieht Gondrom deshalb vor allem in der Backlist: „Bestimmten Werken mag zum ursprünglichen Erscheinen noch keine Audioumsetzung vergönnt gewesen sein, wenn diese sich aber zwischenzeitlich am Markt etablieren konnten, bildet dies eine hervorragende Basis für Audioumsetzungen."
Von der Praxis her gedacht: Kinder wollen nicht konsumieren, sie wollen mitmachen
Lena Stenz, Gründerin und Geschäftsführerin der Bildungsinitiative Bücheralarm, arbeitet täglich mit Kitas, Schulen und Bibliotheken. Ihre Diagnose relativiert die Krisenerzählung, ohne sie zu bestreiten: „Ich glaube nicht, dass Kinder heute weniger Interesse an Geschichten haben. Im Gegenteil: Sie hören, schauen und erleben Geschichten täglich – nur auf anderen Kanälen." Aber sie beschönigt auch nichts: „es gibt mehr Kinder, die gar keine Lust aufs Lesen haben!"
Die Ursachen sieht sie nicht nur bei den Familien, sondern ausdrücklich auch im System: „Wer beim Lesen früh Misserfolge erlebt, greift verständlicherweise seltener freiwillig zum Buch. Veraltete Lehrmethoden an den Schulen ersticken mitunter dann auch noch das letzte Fünkchen Interesse an Büchern." Ihr Fazit zur Ausgangsfrage: „Es geht deshalb weniger um eine schwindende Leselust als um neue Wege, Kinder für Geschichten zu gewinnen."
Audio ist für Stenz einer dieser Wege, und zwar ein sehr wirksamer: „Audioformate nehmen Kindern zunächst die Hürde des Lesens. Sie können sich ganz auf die Handlung, die Figuren und ihre eigene Fantasie konzentrieren. Dadurch entsteht Neugier." Ihre Einordnung ist unmissverständlich: „Für mich sind Hörbücher und Podcasts daher keine Konkurrenz zum Lesen, sondern eher eine Brücke dorthin. Gerade Kinder, denen Lesen schwerfällt oder die Deutsch als Zweitsprache lernen, profitieren enorm von diesem Zugang."
Auf die Frage nach konkreten Fällen antwortet sie mit einem klaren „Ja, viele." Bei Bücheralarm produzieren Kinder selbst Podcasts zu Kinder- und Jugendbüchern, interviewen Autor:innen und Illustrator:innen. „Immer wieder erleben wir, dass Kinder, die anfangs wenig Interesse am Lesen hatten, im Verlauf des Projekts das Buch weiterlesen oder weitere Titel derselben Autorin oder desselben Autors ausleihen möchten. Die aktive Auseinandersetzung mit einer Geschichte schafft Identifikation – und genau daraus entsteht oft die Motivation, selbst zu lesen."
Der entscheidende Unterschied liegt für sie im Produzieren statt Konsumieren: „Wer Fragen formuliert, Inhalte zusammenfasst oder eine Geschichte weitererzählt, setzt sich intensiv mit Sprache auseinander und stärkt ganz nebenbei seine Lese-, Sprach- und Medienkompetenz."
Wie der Sprung ins Buch tatsächlich gelingt
Höge hält wenig von der pädagogischen Aufforderung. „Der Sprung gelingt nicht durch einen Appell nach dem Motto ‚Wenn dir das Hörbuch gefällt, lies jetzt bitte das Buch', sondern durch konkrete dramaturgische und praktische Brücken." Diese Brücken beginnen bei Figurenwelten und enden bei sehr handfesten Dingen: Print- und E-Book-Ausgabe müssen „leicht auffindbar und unmittelbar anschlussfähig sein", und die Optik trägt mit. „Wenn das Buch tolle Illustrationen hat, dann möchte man aus der Hörwelt eventuell auch die viel üppiger illustrierte Welt im Kinder- oder Jugendbuch wahrnehmen."
Zugleich warnt er vor einem überzogenen Konversionsziel: „Gleichzeitig sollten wir akzeptieren, dass manche Kinder eine Geschichte bevorzugt hören und andere bevorzugt lesen. Das Ziel kann nicht sein, jede Nutzung in Print zu überführen."
Wo das Hören tatsächlich in Lesefähigkeit umschlägt, sind es die Kombinationsformen: „Der entscheidende Hebel liegt deshalb in der Verbindung beider Formen, etwa durch gemeinsames Hören und Lesen mit Eltern oder in der Schule, eine Vorlesefunktion mit mitlaufendem Text, den Wechsel zwischen Hörbuch und Printausgabe oder durch Bücher, die nach dem Hören zur selbstständigen Lektüre einladen." Der Rest ist Motivationsarbeit, und die beschreibt Höge so: „Lesekompetenz braucht Übung; Lese-Übung entsteht eher, wenn Kinder Geschichten als etwas erleben, das sie wirklich interessiert und nicht nur als schulische Pflicht."
Die Fehler, die die Branche gerade macht
An diesem Punkt wird die Kritik der Aki-Jury unbequem. Sie sieht ein strukturelles Problem: „Das marktwirtschaftlich angelegte Verlagswesen setzt auf ‚Masse statt Klasse' – was natürlich aufgrund der Notwendigkeit zur Refinanzierung nachvollziehbar ist." Die Mechanik dahinter beschreiben Henning-Mohr und Antritter mit einem Bild, das hängen bleibt: „Die 50. Hörfolge einer Serie verspricht – vor allem für Kinder – das gleiche Vergnügen wie der x.-BigMac. Und die Gewissheit, das zu bekommen, was man kennt, fördert die Kauflust."
Ihr zweiter Kritikpunkt richtet sich ausgerechnet gegen den gut gemeinten Teil der Branche: „Wenn nur solche Formate produziert werden, die den pädagogischen Erwartungen der Erwachsenen entsprechen, wird das Interesse der Kinder leiden. Komik, Absurdes, Überraschendes etc. verschwindet hinter einer Masse an vorhersagbaren Produktionen." Entsprechend distanziert sich die Jury vom Etikett des pädagogisch Wertvollen. Sie setze vielmehr „auf Texte, die irritieren, überraschen, die emotionale Affekte der Empathie in Stimme, Musik und Spannungsbogen initiieren."
Zwei Entwicklungen bereiten der Jury besondere Sorge. Erstens die Besetzungspolitik: Musikalische Begleitung und herausfordernde Geräusche verschwänden „vor dem Hintergrund der ökonomischen Zwänge" zunehmend „zugunsten zweifelhaft qualitativer Celebrity-Stimmen, die den Verkauf von Hörlesungen steigern sollen." Zweitens, und noch deutlicher: „Des Weiteren dürfen vor allem im Kinder- und Jugendbereich keine digitalen Stimmen ins Kinderzimmer drängen. Sie können die Emotionalität von authentischen Lesungen nicht erzeugen und darauf beruhen aber hervorragend realisierte Hörtexte generell."
Was zu tun wäre
Höge formuliert die Bedingung, unter der Audio überhaupt etwas zur Leseförderung beitragen kann: „Audio wird nicht dadurch zur Leseförderung, dass man es nachträglich mit diesem Etikett versieht. Kinder und Jugendliche wechseln nicht das Medium, weil Erwachsene es für pädagogisch sinnvoll erklären, sondern weil sie wissen wollen, wie eine Geschichte weitergeht, eine Figur wiedersehen oder tiefer in eine Welt eintauchen möchten. Wundervolle Geschichten sind also immer die Basis, egal, in welchem Medium."
Praktisch bedeutet das für Oetinger, Audio und Print gemeinsam zu denken, bis in die Vermarktung hinein: „Wenn wir auf unserem Instagram-Kanal ein neues Buch vorstellen, dann gibt es zum Beispiel ganz oft auch Videoaufnahmen aus dem Tonstudio zu sehen, weil dies neugierig macht und immersiver in die neue Buchwelt reinzieht." Und die Reihenfolge ist verhandelbar geworden: „Dabei muss auch nicht mehr zwangsläufig das Buch die erste Veröffentlichungsform sein, sondern Audio kann starten, gefolgt von einem Buch."
Stenz appelliert an die Branche: „Gemeinsam aktiv werden in der Leseförderung! Das ist nicht allein Aufgabe der Kinder- und Jugendbuchverlage. Statt kleinteilig Einzelinteressen zu vertreten, sollten wir uns gemeinschaftlich fürs Lesen stark machen." Schulen, Bibliotheken und außerschulische Bildungsprojekte müssten stärker als Partner verstanden werden. „Leseförderung gelingt dann besonders gut, wenn Bücher nicht nur gelesen, sondern erlebt werden. Denn genau diese Erlebnisse bleiben im Gedächtnis – und machen Lust auf die nächste Geschichte."
Dass die Anforderungen an Audio dabei nicht stehen bleiben, hat Gondrom im Blick: „Microdramas, Tiktok & Co. haben nicht nur Einfluss auf das Lesen von Büchern, sondern werden auch die Erwartungen junger Menschen an Audioinhalte verändern." Loewe glaube zwar an die Zukunft etablierter Audioformate, „aber auch an die Notwendigkeit zur Entwicklung neuartiger Umsetzungsformen, wie etwa podcast-artiger Hörspiele." Als Beispiel nennt er die sechsteilige Umsetzung von Ursula Poznanskis Jugendthriller „Cryptos" durch Radio Bremen, in Folgen à 22 Minuten.

Lena Stenz ist Gründerin und Geschäftsführerin der Bildungsinitiative Bücheralarm, die Leseförderung mit Podcasting und Medienbildung verbindet
Fazit
Audio fängt den Leser:innenschwund nicht auf, jedenfalls nicht im Sinne einer Substitution: Die 30,6 Prozent verschwundener junger Buchkäufer werden nicht dadurch zurückkommen, dass Hörbuchumsätze zweistellig wachsen. Was Audio kann, ist etwas anderes und womöglich Wichtigeres. Es hält die Geschichten im Leben derer, die vom Buch gerade abgehängt werden, es senkt das Einstiegsalter für anspruchsvolle Stoffe, es trainiert Erzählverständnis, Wortschatz und Ausdauer, und es liefert bei erfolgreichen Reihen messbare Rückkopplung auf den Printabsatz.
Was es nicht kann, fasst Thorsten Höge am nüchternsten zusammen: die technische Leseflüssigkeit ersetzen. Die Brücke trägt nur, wenn am anderen Ufer etwas steht – auffindbare Ausgaben, gemeinsame Lese- und Hörsituationen, Anschlusstitel, aktive Formate wie bei Bücheralarm. Und sie trägt nur, wenn die Qualität stimmt. Der Hinweis der Aki-Jury, dass ökonomischer Druck gerade dort spart, wo Hörerfahrung entsteht, bei Musik, Geräuschen und authentischen Stimmen, ist die eigentliche Warnung dieses Textes. Eine Branche, die Audio als Leseförderung verbucht und gleichzeitig die Produktionsqualität der Refinanzierung opfert, hat die Rechnung ohne die Kinder gemacht.
Christoph Gondrom ist Geschäftsführer des 1863 gegründeten unabhängigen Familienunternehmens Loewe Verlag GmbH mit Sitz in Bindlach, einem der markt-führenden Verlage im deutschsprachigen Raum. Gondrom stieg 2012 zunächst als stellvertretender Geschäftsführer bei Loewe ein. In dieser Zeit baute Gondrom den E-Book-Bereich auf und initiierte ein größeres Metadatenprojekt. 2016 übernahm er die Verlagsleitung und war maßgeblich beim Launch der innovativen Programmsegmente Loewe Wow! und Loewe Graphix beteiligt. Inzwischen ist Gondrom Geschäftsführer – in dritter Generation.
Dr. Astrid Henning-Mohr und Wolfgang Antritter gehören zur Jury des Aki Audiosiegels der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM). Ausgezeichnet werden Hörspiele, Lesungen und Features für Kinder von drei bis 15 Jahren, unter anderem solche, „die zum aufmerksamen, entdeckenden Hören einladen", „deren Klangästhetik überzeugt" und „in denen Kinder ernst genommen werden und sich wiederfinden".
Thorsten Höge verantwortet bei der Verlagsgruppe Oetinger die digitale Strategie und Geschäftsmodelle sowie sämtliche Audio-Produktionen. In seinen Bereich fällt seit November 2025 auch „Die Kajüte", das verlagseigene Tonstudio in Hamburg-Altona, in dem Oetinger Media Hörbücher und Hörspiele im eigenen Haus produziert.
Lena Stenz ist Gründerin und Geschäftsführerin der Bildungsinitiative Bücheralarm, die Leseförderung mit Podcasting und Medienbildung verbindet. Sie erhielt 2023 den 1. Preis des Deutschen Lesepreises in der Kategorie „Herausragendes individuelles Engagement", 2025 wurde Bücheralarm mit dem Hessischen Gründerpreis in der Kategorie „Gesellschaftliche Wirkung" ausgezeichnet.
