KI als Wachstumstreiber: Wie sich der globale Audiomarkt neu sortiert
Javier Celaya (dosdoce) auf der ai@media international
Der internationale Hörbuchmarkt steht vor einer neuen Expansionsphase – und Künstliche Intelligenz spielt dabei eine Schlüsselrolle. Das wurde in Javier Celayas Vortrag zum Thema „AI and Audio – from production to profit“ auf der dpr-Konferenz ai@media international deutlich. Auf Basis eines aktuellen Whitepapers fasste er im Gespräch mit Erin Cox (Publishing Perspectives) zentrale Entwicklungen der Branche zusammen.
Ein Milliardenmarkt mit weiterem Wachstumspotenzial
In den vergangenen 15 Jahren ist der globale Hörbuchmarkt auf rund sieben Milliarden US-Dollar angewachsen – mit anhaltend zweistelligen Wachstumsraten, insbesondere in etablierten Märkten wie den USA, Großbritannien oder Deutschland.
Doch das eigentliche Potenzial liegt in der Internationalisierung, machte Javier Celaya (dosdoce) auf der ai@media international deutlich: Während englischsprachige Märkte bereits weit entwickelt seien, entstünden neue Wachstumsimpulse zunehmend in Europa, Lateinamerika, Asien und perspektivisch auch in Afrika.
Ein entscheidender Treiber: die Expansion globaler Plattformen wie Audible oder Spotify, die aktiv neue Märkte erschließen und damit überhaupt erst die Grundlage für lokale Audiobook-Ökosysteme schaffen.
Das Nadelöhr: fehlende Inhalte in lokalen Sprachen
In vielen aufstrebenden Märkten scheitert die Entwicklung bislang aber an einem zentralen Punkt: fehlender Content in der jeweiligen Landessprache.
Denn ohne relevante Titel gibt es keine Nachfrage – und ohne Nachfrage keine Plattformökonomie. Entsprechend investieren internationale Anbieter gezielt in lokale Kataloge und stoßen damit eine Dynamik an, von der auch regionale Verlage profitieren.
KI senkt Kosten – aber nicht sofort
Hier kommt KI ins Spiel: Sie verspricht, die bislang hohen Produktionskosten für Hörbücher deutlich zu reduzieren – etwa durch automatisierte Übersetzung, Sprachsynthese oder Marketingmaterialien.
Allerdings führe der Einsatz von KI kurzfristig nicht automatisch zu massiven Kostensenkungen, so Celaya. Im Gegenteil: In den ersten Jahren entstünden zusätzliche Aufwände durch Qualitätssicherung, Nachbearbeitung und neue Workflows.
Erst mit zunehmender Erfahrung und optimierten Prozessen ließen sich echte Effizienzgewinne realisieren.
Schnellere Marktentwicklung durch KI
Langfristig könnte KI jedoch die Marktentwicklung massiv beschleunigen. Während es bislang oft bis zu zehn Jahre dauerte, um einen relevanten Audiokatalog in einer neuen Sprache aufzubauen, könnte sich dieser Zeitraum deutlich verkürzen.
Das Zielbild: Große Teile neuer Kataloge künftig KI-gestützt entstehen zu lassen. Teilweise rechne man damit, dass bis zu 80 Prozent der neu produzierten Titel in bestimmten Märkten auf KI-Technologie basieren werden.
Neue Chancen für Rechte und globale Auswertung
Mit der technologischen Entwicklung verändert sich auch das Rechtegeschäft. Während Übersetzungsrechte im Printbereich traditionell lokal vergeben werden, ermöglicht KI zunehmend eine zentrale, globale Verwertung von Audioinhalten.
Verlage könnten künftig stärker dazu übergehen, Sprachrechte selbst zu behalten und Inhalte parallel in mehreren Sprachen auszuwerten – inklusive lokaler Varianten, Dialekte und Akzente.
Das eröffne neue Reichweitenpotenziale, stelle aber auch etablierte Lizenzmodelle infrage.
Fragmentierung statt Einheitslösung
Ein weiterer Trend: Der Markt differenziert sich aus. Künftig dürften parallel bestehen:
Plattformen mit starkem KI-Anteil und hoher Skalierung
Premium-Angebote mit ausschließlich menschlich produzierten Inhalten.
Für Verlage bedeute das mehr Flexibilität – aber auch die Notwendigkeit, unterschiedliche Qualitäts- und Preissegmente strategisch zu bedienen, so Celaya.
Akzeptanz bleibt eine Frage der Nutzung
Ob sich KI-generierte Hörbücher durchsetzen, hänge letztlich vom Nutzer:innenverhalten ab. Erste Tests zeigten: Ohne Kennzeichnung werden KI-Inhalte teilweise genauso gut bewertet wie menschlich produzierte Titel.
Sobald jedoch Transparenz hergestellt wird, reagieren Hörer:innen sensibler. Gleichzeitig zeigt sich, dass Präferenzen stark variieren – etwa bei Stimmen oder Akzenten. Personalisierung könnte hier zum entscheidenden Faktor werden.
Plattformen als entscheidende Marktöffner
Trotz aller technologischen Möglichkeiten bleibe ein Faktor zentral: der Markteintritt großer Plattformen. Ohne deren Investitionen in Marketing, Infrastruktur und Katalogaufbau sei die Entwicklung neuer Audiomärkte kaum möglich.
Typischerweise dauere es mehrere Jahre, bis sich diese Investitionen auszahlten – KI könnte diesen Zeitraum jedoch verkürzen und den Return on Investment beschleunigen, analysierte Javier Celaya. Seine Empfehlung an Verlage: frühzeitig testen und lernen. Wer jetzt Erfahrungen sammle, verschaffe sich einen Wettbewerbsvorteil für die nächste Marktphase.
Offene Baustelle: Rechte und Vergütung
Ein kritischer Punkt bleibt allerdings weiterhin der Umgang mit geistigem Eigentum. Die Verlagsbranche habe hier noch Nachholbedarf, insbesondere im Vergleich zu anderen Medienindustrien.
Eine stärkere Zusammenarbeit auf internationaler Ebene könne dabei helfen, faire Vergütungsmodelle für die Nutzung von Inhalten in KI-Systemen zu etablieren, ohne dabei zu viel Zeit zu verlieren.

Javier Celaya ist Gründungspartner von Dosdoce.com, wo er seit über 20 Jahren kreative und kulturelle Organisationen bei der digitalen Transformation begleitet. Derzeit ist er Vorstandsvorsitzender von Aniara.One, einem schwedischen Start-up, das das Verlagswesen durch KI-gestützte Übersetzung und Produktion in mehreren Sprachen revolutioniert. Dank seiner umfangreichen Erfahrung in der Beratung führender digitaler Plattformen wie Bookwire, Storytel und Podimo bei deren internationalen Expansionsstrategien verfügt Javier über fundierte Fachkenntnisse in den spanischsprachigen Märkten Spaniens und Lateinamerikas. Er ist als strategischer Berater für Verlage, Streaming-Plattformen und Medienkonzerne tätig und hat an Institutionen wie dem Advanced Publishing Institute der NYU sowie an mehreren spanischen Universitäten unterrichtet.