„Die stimmliche Interpretation kann dem Text eine Dimension hinzufügen, die man nicht erwartet hat“
Der Deutsche Hörbuchpreis als Audio-Kompass. Ein Interview mit dem Hörspielkritiker Jochen Meißner
Foto: freepik
Der Deutsche Hörbuchpreis würdigt dieses Jahr zum 24. Mal die Qualität von Audio-Inhalten, ordnet diese für ein breites Publikum ein und verschafft dem Medium Hörbuch Aufmerksamkeit. Der Hörspielkritiker Jochen Meißner ist Mitglied der Jury 2026. Wir haben ihn gefragt, welche Eindrücke ihm in der Auswahl im Ohr geblieben sind.
Welche Relevanz hat der Deutsche Hörbuchpreis in einer Zeit, in der das Hörbuch fast ausschließlich digital vertrieben wird?
Die Relevanz des Preises ist unabhängig von der Frage, in welcher Gestalt das Hörbuch beziehungsweise die Audioproduktion vorliegt: physisch oder digital. Im Vergleich zur reichhaltigen Preis-, Stipendien- und Förderlandschaft für die Literatur ist der Deutsche Hörbuchpreis einer der wenigen, der sich explizit den akustischen Künsten widmet. Leider fallen durch den rein digitalen Vertrieb die Möglichkeiten analoger Gestaltung weg. Booklet und Packaging können schließlich nicht nur Zusatzinformationen enthalten, sondern auch Bestandteil eines künstlerischen Gesamtkonzepts sein.
Wie lässt sich das Label dafür im digitalen Vertrieb und Marketing gewinnvoll einsetzen?
Diese Frage sollte vielleicht eher ein Vertriebler beantworten. Aber: wie jede Auszeichnung ist auch der Deutsche Hörbuchpreis ein wichtiges Marketinginstrument, um Aufmerksamkeit zu generieren, was sich wiederum positiv auf die Abruf- oder Verkaufszahlen auswirkt. Die nominierten und ausgezeichneten Verlage und Produzenten werben gerne mit den Labels „Nominiert für den Deutschen Hörbuchpreis“ und „Preisträger des Deutschen Hörbuchpreises“), die sie frei verwenden dürfen. Weil es nur noch wenige physische Hörbücher gibt, erfolgt der Einsatz vorwiegend im digitalen Bereich (Website, Social media), aber auch in Prospekten, auf Buchmessen etc.
Was hat Sie an den diesjährigen Einreichungen besonders überrascht bzw. ggf. beeindruckt?
Als Hörspielkritiker hat mich die kompetente Auswahl der Vorjury gefreut, die drei völlig unterschiedliche Originalhörspiele – und eben keine Literaturbearbeitungen – ausgewählt hat. Die Auseinandersetzung der Komponistin, Musikerin und Hörspielmacherin Ulrike Haage mit weniger bekannteren Texten der Dichterin Mascha Kaléko („Nichts ist, sagt der Weise“) machte die Bedeutung der Biographie der Autorin für ihre Gedichte hörbar. Hans Christoph Böhringers ebenso unterhaltsame wie intelligente achtteilige Serie „Mein Leben als Spam“ führt in eine algorithmengesteuerte Welt, in der sich Menschen authentifizieren müssen, wenn sie nicht als Spam aus Arbeitsplatz und Wohnung ausgesperrt werden wollen. In Oliver Sturms Zehnteiler „Die Erschöpften“ geht es mit einer Fülle literarischer und popkultureller Anspielungen um eine Pre-Holiday-Klinik, in der eine urlaubreife aber nicht -fähige Klientel das Ferienmachen üben muss. In der ausgesprochen ideen- und handlungsreichen Serie trifft „White Lotus“ auf den „Zauberberg“ und auf eine sich zunehmend irrer gebärdende Realität.
Warum hat sich das zweistufige Juryverfahren mit einer Nominierungs- und einer Preisträger-Jury bewährt?
Bevor ich in die Preisträgerjury gewechselt bin, war ich Teil der Nominierungsjury, die in der Regel mehr als 250 Einreichungen „sichten“ musste. Und eine einzelne Einreichung, konnte schon mal aus 20 Stunden Marcel Proust (gelesen von Matić) bestehen. Das zweistufige Juryverfahren garantiert eine Vielfalt der Perspektiven und nutzt die individuellen Expertisen in literarischer, praktischer und technischer Hinsicht, die der Auszeichnung Gewicht verleiht. Tendenziell ist die Arbeit der Vorjury die wichtigere, weil sie einen Überblick über die Jahresproduktion hat und den Wald der Einrichtungen lichtet. Die Preisträger- und Kinderjury kann sich mit den drei nominierten Titeln pro Kategorie sehr viel genauer auseinandersetzen.
Was macht für Sie ein gutes Hörbuch aus? Welche Kriterien haben Sie als Jury in der Bewertung herangezogen?
Im Hörbuch kann die stimmliche Interpretation einer Schauspielerin oder eines Schauspielers dem Text eine Dimension hinzufügen, die man beim Lesen nicht erwartet oder gar wahrgenommen hat. Wenn das gelingt, handelt es sich um eine künstlerische und nicht nur um eine bloße Dienstleistung. Die Beherrschung des sprechtechnischen und schauspielerischen Handwerks ist dafür die Voraussetzung, reicht aber nicht aus. Bei Autorenlesungen ist es die Anmutung von Authentizität, die dem Text eine eigene Tonalität verleiht. In den Kategorien „Hörspiel“, „Kinderhörspiel“. „Podcast“, „Unterhaltung“ und „Das besondere Hörbuch“ werden außerdem Werke gewürdigt, die neben der Stimme noch alle anderen akustischen Möglichkeiten nutzen: von dokumentarischem Originalton über Geräusche bis hin zur Musik, die bestenfalls alle zu sinntragenden Elementen werden. Gute Hörspiele zeichnen sich zusätzlich dadurch aus, dass die Elemente ihren Eigenwert haben und nicht andere bloß verdoppeln. Es gibt beispielsweise Filme, die eigentlich keine Bilder brauchen, weil allein auf der Tonspur bereits alles gesagt ist.
Lassen sich generelle Trends in den Einreichungen ausmachen?
Die diesjährigen Einreichungen spiegeln die ganze Bandbreite der Audioproduktion in den deutschsprachigen Ländern wider und sind darin eher ein typischer Wettbewerbsjahrgang. Erfreulich war, dass die Hörspielnominierungen zeigen, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk trotz aller Zentralisierungen und Homogenisierungen auf einen angenommenen Publikumsgeschmack hin immer noch zu ästhetischen Höchstleistungen fähig ist.
Der Deutsche Hörbuchpreis wird am 10. März verliehen. Zu allen Nominierten geht es hier.

Jochen Meißner schrieb von 1994 bis 2021 als ständiger Hörfunkkritiker für den Fachdienst „Medienkorrespondenz“ (früher „Funkkorrespondenz“). Seitdem schreibt er für den Mediendienst der Katholischen Nachrichtenagentur KNA. Seit 1999 arbeitet er als Hörfunk-Autor für verschiedene öffentliche-rechtliche Rundfunkanstalten und als Autor und Herausgeber von Texten zu Geschichte und Ästhetik des Hörspiels. Seit 2012 betreibt er die Website hoerspielkritik.de. Von 2006 bis 2010 war er künstlerischer Leiter des Hörspielsymposions an der Eider am Nordkolleg Rendsburg. Seit 2008 ist er Mitveranstalter des Berliner Hörspielfestivals für das freie Hörspiel. Im Lauf der Zeit gehörte er verschiedenen Hörspieljurys an, unter anderem der des Hörspielpreises der Kriegsblinden, des Deutschen Kinderhörspielpreises, des Hörspielpreises der ARD, des Deutschen Hörbuchpreis und der zum Hörspiel des Monats/des Jahres.
