„Die Stimme ist kein bloßes Werkzeug“
Colin Hauer über die Relevanz der passenden Stimme für Audio-Produktionen
Die Stimme scheint in Zeiten von KI zur Disposition zu stehen. Colin Hauer, Geschäftsführer des Hörbuch Hamburg Verlags, verdeutlicht in seiner Kolumne, warum Stimmen eben nicht austauschbar sind.

Published: 15.5.2026 | Photo / Video: Hörbuch Hamburg
2022: Meine erste Frankfurter Buchmesse mit Hörbuch Hamburg. Die Türen für das Publikum sind frisch geöffnet und (Hör-)Buchfans mischen sich unter die Fachbesucherinnen und Fachbesucher.
Ich habe mir vorgenommen, zwischen zwei Meetings frische Luft zu schnappen und einige Schritte mit unserer Sprecherin Dagmar Bittner zu gehen. Es werden weniger als gedacht. Wir bewegen uns wenige Zentimeter, bevor die ersten Fans sie aufgeregt um Autogramme, Selfies und Umarmungen bitten. Währenddessen läuft ein ehemaliger Bundesminister für Umwelt an uns vorbei. Und wird von seiner Umwelt völlig ignoriert. All eyes on Dagmar. Als Sprecherin von „Fourth Wing“ und der „Flammengeküsst“-Reihe oder beispielsweise der Hörbücher von Julia Dippel hat sie die Ohren und Herzen von Hunderttausenden erreicht und fasziniert ihre Fans auch dann, wenn sie gerade keine Kopfhörer aufhaben.
Völlig klar: Die Grundlage eines jeden Hörbuchs bietet der Text. Doch ebenso, wie es einen großartigen Text braucht, braucht es auch eine Stimme, die ihn tragen kann. Denn diese entscheidet darüber, ob Zuhörer:innen nach fünf Minuten abschalten oder nach fünf Stunden „nur noch ein Kapitel“ hören wollen. Sie ist kein bloßes Werkzeug, sondern erzählerisches Instrument. Virtuos wecken die Sprecherinnen und Sprecher mit ihrer Stimme Emotionen, bauen an den passenden Stellen Spannung auf, schaffen Intimität, wo diese erwünscht ist, transportieren feinste Nuancen Humor oder vermitteln kompetent und verständlich Wissen. Sie ziehen das Publikum in ihren Bann und hallen, ebenso wie die Inhalte, in den Köpfen noch lange nach.
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Während im schriftbasierten Buchbereich Print im Gegensatz zum digitalen E-Book weiterhin eindeutig dominiert, spielt der physische Vertrieb für das Hörbuch kaum mehr eine Rolle. Colin Hauer, Geschäftsführer des Hörbuch Hamburg Verlags, stellt dazu die folgenden persönlichen Überlegungen an.
In unseren Lektoraten beginnt die Suche nach der perfekten Stimme bereits, bevor das Manuskript vollständig vorliegt. Die Kolleginnen lesen sich in Textproben ein, vergleichen Charaktere, Perspektiven und emotionale Tonlagen. Je nach Art der Erzählung – Ich-Form, personale oder multiperspektivische Erzählweise – ändern sich die Anforderungen. Ist der Text introspektiv und verletzlich? Braucht es einen ruhigen, kontrollierten Ton oder eine Stimme mit rauem Unterton? Gibt es kulturelle Bezüge oder Mehrsprachigkeit zu berücksichtigen? So sind bei „Tschikago“ von Alexandra Stahl zwei Dialekte wichtig für den Ton des Textes und mit Julia Dernbach haben wir eine Sprecherin gefunden, die Hessisch als Heimatdialekt perfekt spricht, aber auch wunderbar berlinern kann, da sie lange Zeit in der Hauptstadt lebte. Die Besetzung ist nie Zufall, sondern die Summe aus aufwändiger Recherche, vieler Überlegungen und Gespräche und letztlich auch aus dem Erfahrungsschatz unserer Lektorinnen.
Neben den „faktischen“ Kriterien folgen Diskussionen über Timbre, Tempo, Textverständnis, denn wirklich passend ist nicht nur der- oder diejenige mit der wohlklingendsten Hörprobe. Von welcher Stimme würde ich mir diese Geschichte gern erzählen lassen? Wer trägt sie über zwölf, 20 oder gar über 40 Stunden? Wer kann einem Roman Tiefe geben, ohne sich dabei in den Vordergrund zu spielen?
Vom Wunsch bis zur Wirklichkeit
In einigen Fällen bringen Autorinnen oder Autoren eigene Vorschläge für ihre Wunschbesetzung ein oder möchten bei der Auswahl zumindest involviert sein. Gerade in den Bereichen Young Adult und New Adult werden häufig klare Vorstellungen an den Verlag herangetragen. In solchen Fällen stimmen wir die Auswahl eng mit den Schreibenden ab. Für uns ist es ein schönes Miteinander, wenn namhafte Autorinnen wie Kyra Groh oder Kate Corell das Hörbuch so sehr schätzen, dass sie sich bei uns mit Vorschlägen zu einer Stimme melden, die sie bereits beim Verfassen ihres Textes im Ohr hatten. Umso wertschätzender für uns, wenn diese Wünsche auf bestehende Hörbuch Hamburg-Produktionen zurückzuführen sind. Auch in anderen Genres, wie in der Spannung, der Gegenwartsliteratur oder bei Kinderhörbüchern, entstehen im Laufe gemeinsamer Projekte mitunter vertraute Duos: Marc Raabe und Peter Lontzek, Susanne Abel und Vera Teltz, Robert Seethaler und Matthias Brandt, Margit Auer und Andreas Fröhlich. Um nur einige Beispiele zu nennen. Hier entwickeln sich künstlerische Partnerschaften, die weit über einzelne Bücher hinausgehen. Und ja, manchmal wünschen sich Buchverlage, Autorinnen oder Autoren prominente Namen. Wo früher noch gerne aus Film und Fernsehen bekannte Schauspielerinnen und Schauspieler oder Synchronstimmen als große Namen auf das Cover gesetzt wurden, die eine höhere Reichweite garantierten, hat sich mittlerweile eine hörbuchspezifische Prominenz herausgebildet. Große Stimmen der Szene, wie Dagmar Bittner, Stefan Kaminski oder Vanida Karun sind nicht primär „gesichtsbekannt“, sondern ihre Prominenz gründet vor allem auf ihrer Tätigkeit als Hörbuchsprecher oder -sprecherin.
Große Namen können sich natürlich positiv auf die Aufmerksamkeit auswirken. Wichtig ist aber in erster Linie, dass Stimme und Text in Einklang sind. Nur aufgrund von Prominenz eine Stimme zu besetzen, die gar nicht auf den Text passt, ist nicht zielführend. Denn die Hörerinnen und Hörer sind anspruchsvoll und ihnen würde sofort auffallen, dass etwas nicht stimmt.
In manchen Genres hat Authentizität hohe Bedeutung. Persönliche Texte oder Biografien wirken besonders stark, wenn die Autorinnen und Autoren selbst ihre Geschichte lesen – wie Alice Hasters, Andrea Sawatzki, Karin Kuschik oder Hape Kerkeling. Doch das gelingt nur, wenn auch das Handwerk stimmt. Oft wird beim Probelesen festgestellt, dass das gar nicht so einfach ist und dass vielleicht doch lieber ein Profi übernehmen sollte. Ich habe selbst interessehalber vor einiger Zeit ein Training bei einer unserer Sprecherinnen absolviert und konnte selbst nach zwei intensiven Stunden nicht mal einen zufriedenstellenden Absatz hervorbringen. Mein größter Respekt gilt daher den Profis, die auch nach tagelanger harter Arbeit im Studio scheinbar mühelos Meisterleistungen vollbringen.
Für die meisten unserer Autorinnen und Autoren ist dieser Weg dann auch der richtige: Von all den Tausenden unserer Hörbücher sind nur knapp fünf Prozent unter stimmlicher Beteiligung der Schreibenden entstanden. Wie viele davon auf die Kappe von Marc-Uwe Kling gehen, müssten wir nochmal nachrechnen …

Colin Hauer ist Geschäftsführer des Hörbuch Hamburg Verlags. Seit über 18 Jahren ist er in der Audiobranche tätig und beriet neben Stationen bei Amazon, Bastei Lübbe, Bookwire, Sony Music und Universal Music mehrere Verlage und Abo-Dienste bei der Entwicklung ihrer digitalen Strategie. Hauer erlangte neben einem MBA der Mannheim Business School einen M.A. in Creative Industries Management sowie einen B.A. in Musikwirtschaft.