Schweden stabil, Deutschland die Überraschung
Storytel trotzt Spotify – und legt starkes drittes Quartal vor
Published: 29.10.2026 | Foto / Video: Pixabay
Deutschland übertrifft die Erwartungen, obwohl es nicht zu den zehn Kernmärkten des Unternehmens zählt. Finanzchef Stefan Wård nennt den Markt „die größte Überraschung für uns in diesem Jahr“. Carlo Carrenho berichtet.
Die schwedische Storytel Group hat am Dienstag, 27. Oktober, starke Zahlen für das dritte Quartal vorgelegt. Der Nettoumsatz erreichte 1,18 Mrd. SEK (rund 107 Mio. Euro), ein währungsbereinigtes Plus von 16,5 Prozent.
In der Telefonkonferenz zu den Quartalszahlen erklärte das Management, dass sich die beiden Geschäftsbereiche sehr unterschiedlich entwickelt hätten: Die Streaming-Umsätze stiegen um 7,8 Prozent, die externen Umsätze des Verlagsgeschäfts legten um 53,8 Prozent zu, davon 26,6 Prozent organisch. Zum Streaming-Bereich gehören die Abodienste des Konzerns für Hörbücher und E-Books, darunter Storytel, Mofibo und Audiobooks.com. Im Verlagsbereich sind Häuser wie Norstedts aus Schweden, Gummerus aus Finnland, People’s aus Dänemark und der niederländische Verlag Overamstel gebündelt. Dessen Übernahme war am 19. Mai 2026 bekanntgegeben worden und trug maßgeblich zum Wachstum der Sparte bei.
Das operative Ergebnis stieg um 16 Prozent auf 176 Mio. SEK (15,9 Mio. Euro). CEO Bodil Eriksson Torp sprach von „einem starken Quartal, in dem unsere Abonnentenbasis um 80.000 zahlende Abonnent:innen gewachsen ist, der größte Zuwachs seit 2023“. Storytel beendete das Quartal mit 2,83 Millionen zahlenden Abonnent:innen und bestätigte seine Prognose für das bereinigte EBITDA im Gesamtjahr von 900 Mio. SEK (81,4 Mio. Euro).
Zudem verwies Storytel auf die wachsende Nutzung seiner KI-gestützten Funktionen. Der KI-Begleiter Genie hat bereits mehr als 800.000 Gespräche mit Hörer:innen geführt, vor allem zu Fantasy, Kinderbüchern und Sachbüchern. Recaps, eine Funktion mit KI-generierten Zusammenfassungen, die Hörer:innen den Wiedereinstieg an der Stelle erleichtert, an der sie aufgehört haben, ist inzwischen in zehn Märkten verfügbar und wird monatlich von mehr als 400.000 Kund:innen genutzt. Außerdem führen die personalisierten Themenempfehlungen von Genie laut Unternehmen dazu, dass Hörer:innen mehr Titel in ihr digitales Bücherregal legen.

Wachstum in Europa
Regional betrachtet trugen die europäischen Märkte außerhalb der nordischen Länder das Streaming-Wachstum: Der Umsatz stieg dort währungsbereinigt um 18,6 Prozent, besonders stark in Polen, den Niederlanden, Deutschland und der Türkei. In Polen überschritt die Zahl der zahlenden Abonnent:innen im Quartal die Marke von 300.000. Die nordischen Länder verzeichneten ein Umsatzplus von 5,6 Prozent und gewannen 33.000 Abonnent:innen hinzu, nach 29.000 im Vorjahreszeitraum. Im gesamten Streaming-Geschäft stieg der durchschnittliche Monatsumsatz pro Nutzer:in (ARPU) leicht auf 119,6 SEK (10,82 Euro), nach 118,1 SEK (10,68 Euro) ein Jahr zuvor.
Aufschlussreichere Details kamen in der Fragerunde mit Investor:innen zur Sprache. Zwar ist Storytel in mehr als 25 Märkten präsent, konzentriert sich aber auf zehn: die fünf nordischen Länder, die USA, die Niederlande, Polen, die Türkei und Bulgarien. Nach Unternehmensangaben entfallen auf sie mehr als 95 Prozent des Umsatzes.
Finanzchef Stefan Wård bezeichnete Polen als wichtigsten europäischen Markt und die Türkei als große Wachstumschance. Deutschland, das nicht zu den zehn Kernmärkten zählt, habe die Erwartungen dagegen übertroffen. „Ich würde sagen, die größte Überraschung für uns in diesem Jahr ist, wie gut wir uns auf dem deutschen Markt schlagen“, sagte er. Die Niederlande seien dagegen „solide“, aber „kein Ausreißer nach oben“.
Besonders interessant war Wårds Einschätzung zu den nordischen Ländern, kurz vor dem ersten Jahrestag des Hörbuchstarts von Spotify in Schweden, Dänemark und Finnland am 18. November 2025.
Nach einem starken ersten, einem schwächeren zweiten Quartal und einer Erholung im dritten Quartal bezeichnete er die Entwicklung der Region im bisherigen Jahresverlauf als solide. Finnland bleibe eine Herausforderung, Dänemark und Norwegen entwickelten sich stabil bis positiv.

„Es ist für uns heute nicht schwieriger als vor einem Jahr“
Schweden hingegen erwies sich als unerwartet widerstandsfähig. „Wir sind positiv überrascht, wie stabil unsere Kundenbasis in Schweden ist und wie wir unser Geschäft dort ausbauen können“, sagte Wård. Mit der Entwicklung seit dem Markteintritt von Spotify sei das Unternehmen „sehr zufrieden“. Auf die Frage, ob Spotify den Wettbewerb verschärft habe, entgegnete er, der Markt sei schon zuvor hart umkämpft gewesen. „Es ist für uns heute nicht schwieriger als vor einem Jahr“, sagte er.
Die Kündigungsrate (Churn) ist ein weiterer Gradmesser dafür, wie sich Spotify auf Storytel auswirkt. Laut Wård haben sich die Kündigungen nahe ihrem historischen Tiefstand stabilisiert.
„Wir sehen keinen Anstieg der Kündigungsrate in Schweden, Dänemark oder Norwegen“, sagte er. Finnland habe zwar einige Schwierigkeiten gehabt, in den übrigen nordischen Märkten sieht Wård bislang aber keine klaren Belege dafür, dass der stärkere Wettbewerb die Kündigungen in diesem Jahr nach oben getrieben hat. Das deutet darauf hin, dass Spotify den bestehenden Kundenstamm von Storytel bisher nicht nennenswert angreifen konnte.
Gemischte Bilanz außerhalb Europas
In anderen Regionen fiel die Entwicklung gemischt aus. In der Region Amerika sank der Umsatz währungsbereinigt um 1,5 Prozent, der ARPU um 5,7 Prozent. Die Bruttomarge verbesserte sich jedoch auf 59 Prozent nach 55,9 Prozent.
Zu den Unterschieden in der Profitabilität innerhalb der Region erklärte Wård: „Im Geschäft von Audiobooks.com haben wir eine sehr, sehr hohe Bruttomarge.“ Die Margen in den lateinamerikanischen Märkten seien hingegen „solide, aber nicht ganz so hoch“. Im asiatisch-pazifischen Raum wuchs der Umsatz um 3,7 Prozent, die Bruttomarge ging jedoch auf 35,4 Prozent zurück, nach 38,5 Prozent ein Jahr zuvor.
Großes Interesse in der Fragerunde weckte auch Storytel Books, der Schritt des Unternehmens vom digitalen Abo in den Onlinehandel mit gedruckten Büchern. Der Dienst startete am 1. Oktober in Schweden und ist seit dem 14. Oktober in die Storytel-App integriert. Kund:innen können darüber gedruckte Bücher direkt in der App bestellen und sich liefern lassen.
„Viele Hörer:innen möchten ihr Buch auch gedruckt besitzen“, erklärte CEO Bodil Eriksson Torp und sprach von einem „Universum von Buchliebhaber:innen“, die zwischen den Formaten wechseln. Storytel-Abonnent:innen erhalten einen exklusiven Rabatt, zugleich könnte der Onlinebuchhandel neue Kund:innen für den Streamingdienst gewinnen.
„Das funktioniert in beide Richtungen“, sagte Eriksson Torp. Trotz einer Resonanz, die sie als „sehr positiv“ beschrieb, mahnte sie zur Vorsicht: „Für eine Bewertung ist es noch zu früh.“ Storytel werde das neue Geschäft zunächst beobachten, bevor über die nächsten Schritte entschieden werde.

Dieser Beitrag ist eine Zweitveröffentlichung. Er erschien zuerst am 28. Oktober 2026 in englischer Sprache bei Publishing Perspectives. Übersetzung aus dem Englischen: Digital Publishing Report. Die Euro-Werte wurden zum EZB-Referenzkurs vom 28. Oktober 2026 (1 Euro = 11,056 SEK) umgerechnet.
